In eigener Sache

Ich war am Wochenende an einem Grossanlass der Country Musik Szene Europa.
Auftreten sollten Bekannte von mir, die ich seit nunmehr 13 Jahren kenne. In diversen Formationen habe ich ‚meine Jungs‘ bis dato erlebt. Und jedes Mal ein bisschen moderner (angefangen haben alle traditionell). Was mich erwarten sollte, wusste ich so ungefähr: Eine gute Band, ein essendes, trinkendes, extrem lautes Publikum und unerträgliche Country Musik vom DJ zwischendurch.

Aber meine Erwartungen sollten bei Weitem übertroffen werden: Der Mann am PA überflügelte sich schon mal selbst. Am Samstag war es schwer, die durchtrainierten Leadstimmen klar zu hören, die sich immer weniger gegen die Instrumente durchsetzen konnten. Und diese Stimmen, damit ich mich klar ausdrücke, gehören zu den besten der Bluegrass-Szene. So gab die Gruppe am Ende selbst auf, obwohl sie anfänglich irgendwelche ‚Geheimzeichen‘ Richtung Mischpult schickte, die jeweils wirkungslos blieben. Meine Empfehlung: Man hole sich den Mischer von den Kummerbuben…... (Hinweis: Doyle Lawson trat mit nur einem Mik auf – vor Jahren!)

Dann war um mich ‚rum anscheinend ‚ne Single Party. Nun ja. Gegen Anmache habe ich an und für sich nichts. Manchmal amüsiert sie mich – solange sie nicht mich selber angeht. Doch muss ich mir während des Konzertes tatsächlich ausführliche Details von leicht Angetrunkenen anhören, die genauestens erklären, wieso diese und jene Frauen anziehender sind als andere? Und selbstverständlich gibt’s die Erklärungen, passenderweise immer, wenn die Band auf der Bühne die todtraurigen Songs bringt, für die ich sterben würde…….Zudem brauche ich keine Verlobungen auf der Bühne (selbst wenn die einheimische Band sonst tadellos durch’s Set kam und durchwegs sympathisch war), keine Line-Dance Lektionen zwischen den Auftritten und keine Aufzählungen der gewonnenen Grammies der Haupt-Gruppe (dass sie letzthin keinen Einsacken konnte, wurde klugerweise verschwiegen). Vertraut mit dem Gebaren der einzelnen Musiker, konnte ich denn auch spätestens gegen Ende der Show feststellen, wieso der Clown der Band sich so aufgeschlossen benahm – nämlich deshalb, weil er, wie üblich, völlig blau war. An dieser Stelle: Ich hab‘ schon gehört, dass eine texanische Band beinahe von der Bühne gefallen ist, weil sie nicht mehr ganz nüchtern gewesen sein soll. Wieso kann der Veranstalter den Alkoholkonsum seiner Musiker (die er ja für ihren Job bezahlt) nicht kontrollieren? Ich kann meinen Job auch nicht besoffen machen!!!! Sonst bin ich ganz einfach nicht nur schlecht darin, sondern auch hemmungslos. Auch habe ich als Mensch, der einen ‚moderaten‘ (wie die Veranstalter meinen) Eintrittspreis bezahlt, um gute Musik zu hören, nichts mit dem Frust eines einzelnen Musikers zu schaffen. (Anmerkung am Rande: Ich kann die Band in den Staaten gratis sehen – und nicht, dank Vitamine B, wohlverstanden. Oder aber an einem Bluegrass-Festival, wo ich den Preis des Abends für mehrere Tage bezahle). Ich weiss zwar, was meinen Lieblings-Alki bewegt und versuchte ihm schon zu helfen, doch einem Trinker kann nur er selbst helfen. Niemand sonst. (Lest mal das Buch ‚Alk‘ – es ist äusserst hilfreich.) Allerdings soll man ihn auch nicht unterstützen, ist er auf die Suche nach Flüssigkeit. Oder gar sein Gebaren entschuldigen, belächeln oder amüsant finden. Dann wird man zum sogenannten Co-Alkoholiker. Dennoch: Der Mensch, von dem ich hier schreibe, hat viele Freunde verloren. Einige durch Alkoholkonsum. Einige durch natürlichen Tod, einige durch Unfälle. Auch sein Leben hing nach einem Autounfall am seidenen Faden. Und er ist in seiner Sucht einsam. Trotzdem, Leute: Er hat NICHTS gelernt. Und er wird es nie. Dabei soll man ihn nicht unterstützen. Auch wenn das herzlos klingen mag – es nützt weder ihm, noch dem Publikum, wenn er voll wie ‚ne Haubitze auf der Bühne steht. (Und glaubt mir, keinem tut das mehr weh, als mir. Aus ganz, ganz persönlichen Gründen). Der Gipfel war dann noch, dass er fragte, ob ich heute (am Sonntag!!) auch an das Konzert in einem anderen Land kommen würde (ca. 500 km von uns hier entfernt). Wie bitte? Und wofür? Für ein Händeschütteln? Ne, danke. Für eine Berührung, um die ich nicht bat? Freunde sind für mich Leute, mit denen ich mich unterhalten kann. Und die sich auch mit mir unterhalten wollen.
Ich kann schon verstehen, dass man frustriert ist, wenn man vor trinkenden, rauchenden und essenden Zuhörern auftreten muss. Aber Byron Berline hat das Unglaubliche geschafft! Der konnte das Publikum faszinieren und viele waren ruhiger als sonst und warteten, wie’s ja eigentlich nur höflich wäre, die Pause ab.
Ich kann auch verstehen, dass man verärgert ist, wenn man Autogrammstunden geben soll und Fotos machen muss.

Deshalb mein Vorschlag in Güte für nächstes Mal: Eine Stunde früher öffnen, die Leute essen lassen und nachher einfach Stillschweigen verordnen – zumindest bei Bluegrass-Musik.

Fairerweise muss ich jedoch sagen, dass ich nicht sicher bin, ob ein echt guter Akt (wie z.B. der bereits erwähnte Byron) den Geräuschpegel senken könnte. Das bezweifle ich als jahrelange Besucherin des Anlasses ernsthaft.
Ich selber gehe meist alleine hin. Weil ich die Musik geniessen möchte und nicht das Gespräch. Sprechen kann ich mit meinen Freunden, wenn ich sie in einem Restaurant treffe. Oder zu Hause. Dafür muss ich nicht an ein Konzert, für das ich ‚moderaten‘ Eintritt bezahle – und ebenso ‚moderate‘ Preise für’s Essen (so ca. 150 Fränkle pro Abend pro Person mit Essen und Trinken muss man hinblättern – und das ist noch nicht mal übertrieben). Ach ja: Und der DJ hatte beide Abende dieselben Songs drauf. Genau wie die Sprüche des Leadsängers der Hauptband (sorry, Junge, ich mag Dich ja – sehr sogar!). Ätzend ist da nur der Vorname. Und, entschuldigt, wenn ich nun auch noch die Line-Dancers beleidige: Aber Leute, ich BITTE EUCH (auf meinen Knien, wenn’s denn sein muss) haltet Euch an EURE Country Musik, d.h. an Tritt, Paisley, Keith, McGraw, Brooks, etc. und tanzt DORT mit. Bitte, bitte nicht zur Bluegrass Musik rumstolpern!!!!!!!!!!!!!!!!!!! Ich bin Euch nicht neidisch um die paar immer gleichen, lächerlich aussehenden, steifen Schritte, die ihr drauf habt und die für Euch die tägliche Sportübung bedeuten. Echt nicht. Dafür klebe ich selber zu gerne am Barstuhl (zugegebenermassen würde mich der Two-Step mit dem ‚richtigen‘ Mann schon reizen). Doch bitte NICHT bei dem von mir bevorzugten Bluegrass Stil!!! Sucht doch den White Horse Saloon in Nashville auf oder trefft Euch in einem Country Saloon zum wöchentlichen ‚dancen‘. Selbst die Musiker fanden’s lächerlich. Und machten Witze darüber auf der Bühne. So habe ich Roger Wallace z.B. erlebt, der EXTRA schnell aufspielte, damit die Line Dancers nicht mehr folgen konnten. Denn in Texas, Jungs und Mädels, tanzt man Two Step!!!
Wobei ich aber schon das nächste Thema präsent habe: Das Geklatsche der Musiker auf der Bühne. Grauenhaft. Kann man Langeweile noch deutlicher ausdrücken? Und ist das fair den zugegebenermassen wenigen Interessierten gegenüber? Auch die respektlose Fratzenschneiderei gegenüber den zu langen Ansagen in unserer Landessprache finde ich unnötig. Auch Amerika hat so seine Slangs, Jungs. Vergessen? Und wenn Ihr nichts versteht, könnt Ihr ja fragen.

So. Jetzt habe ich mir meinen gestrigen Frust von der Seele geschrieben. Denn zugegebenermassen bin ich nicht etwa sauer, sondern extrem traurig über den Ausgang des Abends. Wie gesagt, geht vieles davon auf mein eigenes Konto. Aber vieles davon kommt jedes Jahr wieder vor und jedes Jahr stört es mich mehr. Fazit: Ich werde den Veranstaltungsort nur noch besuchen, wenn John Prine oder Guy Clark auftreten. Für mich hat sich die Angelegenheit erledigt. Und wie ich den Kommentaren anderer Besucher entnehmen konnte, die erstmalig das Konzert besuchten, bin ich nicht die Einzige, die so empfindet. Mein Nachbar brachte die Sache auf den Punkt, als er meinte, dies sei, wider Erwarten, nicht etwa ein musikalischer, sondern ein gesellschaftlicher Anlass……

Allerdings muss ich sagen, dass ich nicht nur vom Veranstalter enttäuscht bin, sondern auch von meinen Jungs. Manche Musiker können eben nicht zwischen Musikliebhabern und Fans unterscheiden.
Und behandeln sie genau wie Ware. Für mich bleibt die Frage, ob man ihnen nicht inskünftig auch so begegnen sollte.
 
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